( Fiat 500 / Warum ich ??? )

Akt 1

Ein Erlebnisbericht aus der Sicht des Benutzers

Normalerweise fahre ich einen DAF 66. Dieser Wagen zeichnet sich durch Zuverlässigkeit in erster, und Reparaturfreundlichkeit in zweiter Linie aus. Ein ziemlicher Idealfall für den Liebhaber also. Vielleicht ist ganau das der Grund, weshalb sich immer mal wieder abnorme Autos in meine Garage verirren, an denen man die undenkbarsten Reparaturen durchführen muss, ehe man sich an ihnen erfreuen kann. Diesmal war ich besonders gespannt, was mich erwartet, schließlich hat es einen Fiat 500 R zu uns verschlagen.

Wo doch allgemein bekannt sein dürfte, und es sich auch bis hierher herumgesprochen hat, das diese unsäglichen Dinger den größtmöglichen Gegenpol zu einem DAF 66 bilden – wieso das so ist, erfahrt ihr im Laufe der Geschichte. In der Vergangenheit waren die Wagen für mich dann auch eher eine Randerscheinung von nicht weiterem Interesse. Dennoch bildet man sich freilich (Vor-)Urteile im Unterbewußtsein – jedes Auto bekommt so einen ganz eigenen Charakter. Beim Fiat 500 sah der grob bei mir so aus : Zuverlässiger Kleinstwagen, der sich problemlos im Alltag bewegen lässt, keine Teileprobleme, teuer in der Anschaffung. Für mich völlig uninteressant, da : zu klein, zu lahm, zu unbequem, zu viele Gänge, zu alltäglich.

Doch es sollte anders kommen ... ALLES sollte anders kommen !

Es begann damit, dass meine Frau, wann immer wir auf einem Oldtimer-Markt oder ähnlichen Veranstaltungen waren, begann, sich über diesen Wagen zu äußern. Fortan hörte ich dann immer etwas wie „guck mal, der ist aber süß“, „ dahinten müssen wir noch mal gucken, da steht noch ein Fiat“, „irgendwann will ich auch mal so einen kleinen Fiat haben, ok?“, „machste mal ein Bild von mir und dem Auto ?“ . Zunächst hab ich nicht weiter drüber nachgedacht, mit der Zeit bildete ich mir aber ein, dass ja evtl. genau in diesem Automobil die Schnittstelle zwischen Frau und Hobby zu finden wäre (welch naive Illusion !). Ich begann also ganz nebenbei ein Auge auf die Kleinsten aus dem Hause Fiat zu werfen – und musste schnell feststellen, dass man zu dem Preis eines Restaurierungsobjektes alternativ auch einen hervorragenden DAF 55 bzw. 66 im Zustand 2 erwerben konnte. Was der Sache freilich einen herben Dämpfer verabreichte, und mich daran zweifeln ließ, ob man überhaupt weiter nach solch einer Knallerbse gucken sollte. Aber wie das halt so ist, wenn man einmal anfängt sich mit etwas zu beschäftigen, lässt einen das Thema nicht mehr in Ruhe. Inzwischen war ich über die einzelnen Modelle und Varianten ganz gut informiert, hab die ein oder andere Kaufberatung verschlungen und mich in den hervorragend gestalteten Sektionen des World Wide Web, welche sich mit dem Fiat 500 beschäftigen verlaufen. So dämmerte mir denn auch allmählich, das ich meine Vorurteile gegenüber dem Wägelchen ein wenig neu zu ordnen hatte. Offenbar ist es mit der Zuverlässigkeit dieser Spezies nicht allzu weit her, und die Teile gibt’s augenscheinlich nur deshalb so billig, weil man auch ständig irgendwas braucht, und das dann noch nicht mal lange hält – oder wie anders sollte man sich erklären, dass man in wenigstens einem der vielen Online-Shops Zündkondensatoren im 10er Pack kaufen kann ?

Je länger ich mich mit der Materie beschäftigte, um so heftiger wurden meine Zweifel. Ich dachte darüber nach, ob man solch eine Zeit/Geld- und Platzvernichtungsmaschine überhaupt braucht.

Jedoch war es zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon zu spät einen Rückzieher zu machen. Im Fiat 500 Forum kannte man mich inzwischen, und ein Angebot ließ nicht lange auf sich warten. So wurde mir von einem 500er Freund ein 73´er Fiat 500 R angeboten. Generell sei der Wagen in gutem Zustand, die Karosse ist gemacht, aber laienhaft lackiert und bedarf keiner Arbeit. Dafür hat die Mechanik ein paar Macken (Schaltgestänge ausgeleiert, Motorölverlust etc...). Alles in allem ein passendes Angebot für mich, Karosseriearbeiten liegen mir gar nicht, dafür machen mir Mechanik-Arbeiten umso mehr Spaß. Der geforderte Preis war zwar in Relation ok, gesehen mit den Augen eines DAF-Enthusiasten allerdings immer noch absoluter Wucher – und so zögerte ich zunächst, und beobachtete weiterhin das Angebot im Internet. Gerade im ebay tauchen laufend 500er in fragwürdigem Zustand auf. Ich begann, ein paar Tage nach Ende der Auktionen, die Ersteigerer zu kontaktieren, um zu horchen, wie sie mit ihrem blind gekauften Fiat zufrieden waren. Kurzum : die Hälfte der Leute hatte den Wagen stehen gelassen, wiederum eine Hälfte der Leute der anderen Hälfte nahm den Wagen „trotzdem“ mit, und etwa ein viertel der Leute war mehr oder weniger zufrieden mit dem neuen Wägelchen. Um diese Erkenntnis reicher, schied dieses Angebotsformat für mich völlig aus.

In dieser Zeit tauchte bei mobile.de ein 500er in leuchtendem 70er Jahre-Telefon-Orange auf. Angemeldet, fahrbereit und mit einem Rostloch im Radhaus, auch der Preis war ok. Der musste es sein, und so haben wir flugs einen Termin mit dem Verkäufer in Süddeutschland vereinbart, um uns den Kleinen anzusehen. Die Ernüchterung folgte stehenden Fußes ! Was von weitem noch passabel aussah, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als unrestaurierbar verrottete Hütte. Der Unterboden war komplett mürbe und bestand aus Briefmarken, Blätterteig und Löchern. Nein, sowas wollte ich nun wirklich nicht haben, auf restaurieren hatte ich keine Lust, dieser Wagen sollte ohne großen Aufwand laufen. Dennoch sind wir natürlich eine Runde mit dem Ding gefahren, um festzustellen, dass alles klappert, die Gänge sich nur widerwillig einlegen lassen, und die Lenkung sauschwer geht. Der Verkäufer störte sich nicht wirklich daran, dass wir den Wagen stehen gelassen haben, schließlich erwartete er an diesem Tag noch 5 weitere Interessenten, und dem Vernehmen nach hat der Kleine wohl auch den Besitzer gewechselt.

Auf der Rückfahrt fiel mir ein, dass ich die Telefonnummer des Verkäufers des 500 R aus dem Forum dabei hatte, und auf der Stecke lag der Standort auch noch. Was lag also näher, als sich dort zum Kaffee einzuladen ? Der Verkäufer sah das genau so, und kurze Zeit später standen wir vor einem schwarz lackiertem Fiat 500. Auf Anhieb machte der Wagen einen guten, wenn auch bei weitem nicht perfekten Eindruck. Die Karosse präsentierte sich weitestgehend ohne Rost, und die Mechanik schien machbar. Der Verkäufer (alter 500er Guru) hat uns dann auch sehr gefühlvoll in das Wesen eines Fiat 500 eingeweiht. „Seid ihr eigentlich wahnsinnig so ein Ding kaufen zu wollen ?“, „Fahrt bloß nie mit einem 500er, wenn ihr einen Termin habt !“, „Du weißt ja, dass die Dinger ständig kaputt gehen, und man immer was zu tun hat damit ?“ „Hier sind 10 Adressen, wo man Ersatzteile bekommt“, „Was glaubt ihr denn, warum die Teile so billig sind ? Glaubst du, ein Radbremszylinder für 4,50 Euro taugt was ?“, „ Die Zündkondensatoren gibts auch im 10er Pack, ist billiger, die gehen eh immer kaputt“, „Es gibt eine Fiat 500 Pannenhelfer Aktion, guck mal im Internet, nahezu alle Autobahnen sind abgesichert“, „Mit dem Fiat, den ihr kaufen wollt, will ich seit 2 Jahren zum Tüv fahren, aber jedes mal ist was dazwischen gekommen. Beim ersten mal ist er liegen geblieben, weil ... beim zweiten Versuch ging ... kaputt ... ,dann fiel mal auf dem Weg zum Tüv ein Rad ab, weil der Achsschenkel kaputt ging, dafür ist jetzt aber ein neuer drin ! Dann hab ich´s mal bis zum Tüv geschafft, und als ich in die Halle fahren sollte, sprang er nicht mehr an“ usw ... Außerdem erzählte er uns, wie oft und mit welchen Defekten seine Frau in letzter Zeit mit einem 500er liegen geblieben war.

Jeder normale und halbwegs vernünftig denkende Mensch hätte sich spätestens jetzt herzlichst für den Kaffee bedankt und die Rückfahrt angetreten, und das Thema ein für alle mal auch aus der letzten Hirnwindung gedrängt. Das totale Gegenteil war aber der Fall ! Ich dachte mir : „Jetzt erst recht ! Kann doch nicht sein, dass solch ein durch Kulleraugen freundlich in die Welt blickendes Automobil so einen Zwergenaufstand macht !“ Und so gingen wir mit hinauf, um noch einen Kaffee zu trinken, und ließen die Eindrücke auf uns wirken. Zwei Wochen später trafen wir uns wieder, um den Deal perfekt zu machen, und mit unserer Neuerwerbung nach Haus zu fahren ! Das war zunächst nicht ganz so einfach, er sprang jetzt nicht mehr an. Und so hat der Verkäufer dann zusammen mit uns den Vergaser zerlegt, an der Zündung rumgetüddelt und irgendwann lief das Ding tatsächlich ! Unglücklicherweise ist bei der Reparatur irgendwie der Starterzug – doch, der 500er hat keinen Magnetschalter am Anlasser, im Mitteltunnel ist ein Hebel, welcher über einen Bowdenzug mit dem Anlasser verbunden ist, dran gezogen spurt der Anlasser ein und legt los – an den nur eine Handbreit entfernt liegenden Plus-Anschluss vom Anlasser gekommen und in Rauch aufgegangen. Allmählich wurde es dann auch Zeit für uns –schließlich war ja in keinster Weise zu erahnen, was uns die Rückfahrt bescheren würde, immerhin lag eine 250km Autobahnetappe vor uns- , und wir ließen einen freundlich in die Welt blickenden, zufriedenen und ausgeglichenen Geschäftspartner zurück, welcher mir kurz zuvor noch mit einem Augenzwinkern ein komplettes Reparaturhandbuch auf CD in die Hand drückte.

Nun saß ich also in meinem DAF 66 Marathon und fuhr hinter diesem lustigem kleinen und Radau produzierendem Etwas her. In dem Moment dachte ich an meine Geldbörse und spekulierte über die Anzahl der DAF´s, welche statt dessen nun auch hätten vor mir her fahren können ...... abrupt wurde ich aus meinem schönen Tagtraum gerissen. Was war passiert ? Ich hielt vor einer Ampel, vor mir ein Fiat 500 der –obgleich die Grünphase sich unaufhaltsam dem Ende nahte- aus war, und auch keinerlei Anstalten machte, diesen Zustand kurzfristig zu ändern. Eine aufgeregt gestikulierende junge Frau lehnte sich weit aus dem Fenster .... ach ja .... das gehört ja alles zu mir. Natürlich, der Starterzug, und zwei Sekunden später stand ich neben dem sich lustig schüttelndem Zweizylinder Reihenmotor und verstand den Witz „einen echten Fiat 500 Fahrer erkennt man am verbranntem Unterarm“, welchen ich nicht all zu lange Zeit zuvor gehört hab, als dieser ominöse Starterzug sein Leben aushauchte. Die Zeichen standen nicht wirklich gut und die Dämmerung setzte ein, als wir auf die Autobahn einbogen. Mir fiel ein Stein vom Herzen, ging ich doch davon aus, nun eine ruhige Zeit in meinem bequemen und bei max. 80 km/h äußerst ruhig und sparsam laufendem holländischem Riementier zu verbringen. Es herrschte mäßiger Verkehr, das Wetter war unbeständig, zeitweise fielen ein paar Tropfen Regen vom Himmel, und ich hoffte, dass es nicht mehr würden, schließlich taugten die Wischer des Fiat wirklich nicht mehr. Man merkte, dass meine Holde so ihre liebe Mühe hatte, den Kleinen am Laufen zu halten. Immer wieder verschluckte, hustete und schüttelte sich alles bedenklich. Das inzwischen komplett ausgeschlagene Schaltgestänge tat ein übriges, und immer wieder wurde die Fuhre schlagartig langsamer und heulte furchtbar auf. Ich biß die Zähne zusammen und drehte das Radio ein wenig lauter. Inzwischen war es dunkel und am regnen. Nur langsam kamen wir vorwärts und ich fing an zu rechnen in welchem Verhältnis Reisegeschwindigkeit, Wegstrecke und Uhrzeit zueinander standen. Es sah nicht gut aus, und plötzlich bog der Fiat auf einen dunklen, kleinen und verlassenen Autobahnparkplatz ein. Nicole war ziemlich genervt, nix war mehr zu hören vom knuddeligen süßen und knuffigen kleinen Auto. Nein, ganz im Gegenteil. Die Umstände förderten einen historischen Moment herbei, der bis heute nicht wieder erreicht wurde. Nicole fragte mich allen Ernstes : „ Kann ich mit dem DAF weiterfahren, du kommst bestimmt besser mit dem Fiat klar ?!“ Ich winkte ab, hatte keine Lust auf dieses Gerappel und Getöse, erst recht nicht auf solch mickrige und abgenudelte Sitzgelegenheiten. Außerdem, dachte ich mir, wer A sagt, muss auch B sagen, und wie könnte sie „Ihr“ neues Spielzeug besser kennenlernen, als auf dieser Tour. Zwar sind wir bis hierher ohne nennenswerte Zwischenfälle gekommen, aber viel lieber stieg ich in den DAF ein, und wir fuhren weiter. Jedoch ließ der nächste Halt nicht lange auf sich warten : Der Fiat zappelte und heulte wieder mal scheußlich, als er daraufhin auf dem Standstreifen ausrollte. Zwar war es vorher schon mehrmals passiert, dass die Dirigentin versehentlich den zweiten anstatt des vierten Gangs (auf der Autobahn wohlgemerkt) erwischte, aber diesmal schien die Situation ernster. Gespannt was nun passiert war (und im weiteren Verlauf des Abends passieren würde), stieg ich aus und wunderte mich um so mehr, dass der Wagen noch lief. Nicole war für heute fertig mit dem Wagen - wollte keinen Meter weiter fahren. Es war Sabbat. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu opfern und der Mistkarre zu zeigen, wo es lang gehen sollte. Die Nacht wurde länger, es wurde kälter, der Regen nahm zu. Die Scheibenwischer tanzten lustig mit den Regentropfen um die Wette. Ich wollte nach Hause und gab Gas. Im Heck brüllte der Twin, 100 km/h waren tatsächlich drin. Irgendwie haben wir es geschaft die Autobahn zu meistern, nun erwarteten uns viele Kilometer typischer Sauerländer Landstraße. Es war spät inzwischen, da jeder Schaltvorgang an die Nadel im Heuhaufen erinnerte, und der Motorlauf dem oft zitiertem Sack Nüsse in nichts nachstand. Wir flogen nur so über die Landstraßen. Zumindest fühlte es sich für mich so an, doch die Lichter im Rückspiegel sprachen eine andere Sprache, sie wurden einfach nicht kleiner, nein, sie drängten geradezu.

Endlich war es geschafft, eingelocht, die Knutschkugel kullerte in die Garage und verbrachte die erste Nacht in von nun an heimischen Gefilden. Eines war klar, die Anfangs eingeplanten „paar Handgriffe“, um das Ding zuverlässig zu machen (wenn es denn überhaupt möglich sei), würden wohl kaum ausreichen. Ich hab gut geschlafen in dieser Nacht, tief und fest. Geträumt habe ich von einem neuen Morgen, einem Morgen ohne böses Erwachen. Das Öffnen der Garage im Morgentau brachte nichts als Ernüchterung. Knatterkarl begrüßte mich mit einer ordentlichen Portion Öl auf dem Boden.

Akt 2

Nachdem der frisch erstandene Fiat 500 mit Mühe den Weg in die heimische Garage geschafft hatte, begrüßte er uns am folgenden Morgen mit einem Ölfleck solchen Ausmaßes, dass uns deutlich wurde, wie sehr er bleiben wollte – weshalb sonst würde jemand sein Revier so deutlich markieren ?

Ich begann damit, den Kleinen durchzusehen und versuchte ihn möglichst gut für ein paar kurze Ausflüge durch die Umgebung vorzubereiten, schließlich wollte man sich näher kennenlernen – im Guten, wenn möglich.. So ersetzte ich die fehlenden Schrauben der Ölwanne, befestigte die restlichen, und konnte einfach nicht verstehen, wo die fehlenden geblieben sind ... Das Schaltgestänge, naja, ließ sich auch irgendwie provisorisch arretieren. Und so starteten wir, um das Sauerland aus einer neuen Perspektive zu erleben. Bei Sonnenschein und geöffnetem Verdeck, Ellenbogen aus dem Fenster, den Wind im Haar, das dicke Sportlenkrad in den Händen,fahren wie im Go-Kart. Ich muss gestehen, es machte Spaß, auch wenn es unbequem, laut und unzuverlässig war. Höchst unzuverlässig sogar. Der Fiat schaffte es nahezu jedesmal liegen zu bleiben – interessanterweise saß dann fast immer Nicole am Steuer, was natürlich nicht unwesentlich zur Brisanz der jeweiligen Situation beitrug. Bis dahin rechnete ich einfach nicht damit, das man mit einem Automobil dermaßen liegenbleiben kann, so dass eine Weiterfahrt aus eigener Kraft nicht mehr möglich ist. Ok, ich bin verwöhnt, ich fahre DAF, aber kann ein Auto wirklich zwei mal die Woche liegen bleiben ? Da wir meistens abends unterwegs waren, und der Kleine es vorzog, uns generell gegen Ende der Ausfahrt zu versetzen, standen wir zwar regelmäßig in der Nähe an der Straße, aber auch immer im Dunkeln. Was dazu führte, dass wir uns des öfteren auf die Hilfe unserer Eltern und Freunde verlassen mussten. Diese sahen von da an immer äußerst kritisch -wenn nicht sogar empört- aus dem Fenster, und hofften wohl, dass das Telefon diesmal schweigen würde, wenn wir wieder einmal mit diesem Ausbund an Unzuverlässigkeit unterwegs waren.

Die Fehler, welche das Auto produzierte, waren weit gefächert, und deckten am Ende praktisch das komplette Spektrum der Möglichkeiten ab. Zündung und Vergaser waren Dauerkandidaten – der Gaszug hing sich gern mal aus. Immer wieder vibrierten sich Stecker, Kabel, ja gar Batteriepole ab und sorgten für Verdruss. Plötzlich dann das : Erst flackerte sie, dann leuchtete sie permanent. Die Ladekontrollleuchte mahnte, den Heimweg anzutreten. Zu Haus durchkämmte ich die komplette elektrische Anlage, fand aber keinen Fehler, der die Warnlampe berechtigte, zu leuchten. Da mir nichts besseres einfiel, stellte ich eine geladene Batterie in den Kofferraum, und strafte die Leuchte fortan durch mMissachtung. Das ging gut, bis der Motor plötzlich während einer sonntäglichen Ausfahrt ohne ersichtlichen Grund seine Funktion aufgab. Ein erneuter Startversuch brachte die Erkenntnis, dass es an der Stromversorgung nicht mangelte, der Anlasser mühte sich redlich das Motörchen zurück ins Leben zu befördern. Chancenlos, wie sich später beim Blick in den Tank herausstellte. Diesmal also ein leerer Tank. Aber wie um alles in der Welt konnte uns das entgehen, im Cockpit gibt's doch eine Kontrollleuchte, die wenigstens ihrer Beschriftung nach über den Brennstoffvorrat wacht ? Langsam dämmerte mir, wie es dazu kommen konnte. Die aufglimmende Benzin-Kontrollleuchte bei abgezogenem Lichtmaschinenanschluss verriet den vertauschten Anschluß der Lämpchen im Cockpit. Und ich hatte inzwischen tatsächlich an meinem Verstand gezweifelt, erinnerte mich an die vergeudeten Stunden mit dem Messgerät in dem engen Motorräumchen. Na klar, es war schon wieder passiert. Dieses unscheinbare Stück, welches sich zu allem Überfluss auch noch Automobil schimpfen darf, hatte mich ein weiteres Mal zum Narren gehalten ! Ich sprach aus, was eigentlich schon lange klar war: „Nicole“, sagte ich, „ nicht wir fahren mit dem Auto spazieren, nein, dieses Auto fährt mit uns spazieren, und macht mit uns, was es will“ !

Ich konnte mich diesem Zusatand nicht mehr länger beugen, es musste was passieren. In Zukunft sollten WIR bestimmen, wann und wohin die Reise geht. Ich hatte eine Vision, die Vision von einem Fiat 500, der es schafft aus der Garage heraus zu fahren, um nach einer geschmeidigen Ausfahrt wieder aus eigenem Antrieb in sein Gemach zu steuern. Doch dieser Zustand schien noch weit vor uns zu liegen.

Akt 3

Nachdem nun klar war, dass wir (also ich) um eine größer angelegte Revision am Herzen des Kleinen nicht mehr herum kamen, ging ich ein wenig im Internet einkaufen. Teil raussuchen, anklicken, nach zwei Tagen das bestellte Teil in der Hand halten. Das war für mich neu. Ich bin es gewohnt, hinter Teilen herzusuchen, und strenge dabei auch meist mehrere Quellen an, und telefoniere auch schon mal ein wenig rum. Vergiss es, beim Fiat 500 gibt's alles, sofort, billig. So orderte ich Teile für eine große Motorinspektion, einen kompletten Motordichtungssatz und die maladen Schaltgestängekarosseriedurchführungen, und glaubte, damit meine Schuldigkeit getan zu haben. Während der Zerlegung zeigte sich jedoch schneller als gedacht, dass dies wohl nicht meine letzte Teilebestellung gewesen sein sollte.

Glücklicherweise stellte sich heraus, das Motor und Getriebe wirklich gut zugänglich sind – in ausgebautem Zustand ! Im Laufe der Zerlegung tauchte für näherungsweise jedes demontierte Teil ein neues Teil auf der Bestellliste auf. So zeigte sich nach Abnehmen des Steuerkettendeckels zwecks Dichtungserneuerung, dass sich die Steuerkette, welche ohne Spanner auskommen muss, schon sehr deutlich im Gehäuse verewigt hatte. Umso erfreulicher, dass ein kompletter Steuerkettensatz inklusive beider Zahnräder, Kette, Simmerring und Gehäusedeckeldichtung bei 20 Euro liegt. Nach Demontage der Zylinderköpfe fiel auf, dass Kolben und Zylinder ihr Verschleißmaß bei weitem überschritten hatten. Zwei Tage nach dieser Erkenntnis hielt ich bereits einen kompletten Satz neuer Zylinder und Kolben in der Hand. Kolbenbolzen, Lager, Kolbenringe, Zylinderkopfdichtungen, Fußdichtungen alles zusammen für 90 Euro. Ehrlich, es machte mir nix aus, ständig neue Teile zu bestellen. Bei den Preisen braucht man einfach nicht zu überlegen, ob man was Neues bestellt oder das alte Teil weiter verwendet und auf sein Ableben wartet.

Über die gesamte Konstruktion hab ich allerdings nicht nur einmal den Kopf geschüttelt. Weil alles schon mal draußen war, hab ich dann auch alles getauscht, was irgendwann mal kaputt gehen könnte. Dabei stolperte ich auch über die sogenannten Ruckdämpfer, welche die Antriebswellen mit der Radnabe verbinden. Zylinderförmige Teile mit Außen- und Innenverzahnung, dazwischen eine Gummiwurst – alles klar. Angesichts der Fahrzeuggröße ist es schon erstaunlich, wie viele Verschleißteile man in dessen Korpus unterbringen kann. Nachdem das Getriebe draußen war, zeigte sich, dass die nun frei drehenden Radlager ebenso nach ihrer Pensionierung jaulten. So ging es eine ganze Zeit weiter, und die Motorabdichtung avancierte ganz nebenbei zur Motorüberholung. Beim Zusammenbau trat dann wieder ein neues Problem ins Rampenlicht. Anfangs hab ich ständig Schrauben abgerissen, und mir leuchtete ein, dass ich meinen auf Daf Qualität geeichten Drehmoment-Arm getrost vergessen konnte. Nach und nach lernte ich aber, wie weit man eine Fiat Schraube anziehen darf, ehe sie einem vorlaut entgegengesprungen kommt ! Da ich den Gedanken an sich abvibrierende Teile nicht mehr los wurde, habe ich beim Zusammensetzen viel mit Schraubensicherung gearbeitet. Auch wenn es am Ende noch viel mehr Teile wurden, um den Treibsatz wieder in zuverlässig funktionierenden Zustand zu bringen, ist es doch erfreulich, dass die Technik recht einfach aufgebaut ist, und das Opfer nie vor unlösbare Probleme stellt.

Der Zusammenbau ging denn auch zügig über die Bühne, und brachte keinerlei Probleme mit sich. Erfeulich an dem Motörchen ist die Tatsache, dass man einen Probelauf vor dem Einbau vornehmen kann. Der komplette Auspuff besteht aus einem Teil und wird direkt an die „Krümmerchen“ geflanscht. Braucht man nur noch einen Benzinkanister und eine Batterie zum Starten. Beim ersten Startversuch hustete er vehement, schüttelte sich kräftig und begann sogleich vor meinen Augen einen Freudentanz hinzulegen ! Hätte ich mich nicht auf ihn gestürzt, um ihn fest zu halten, wäre er wohl von alleine aus der Werkstatt bis auf die Straße gesprungen ! Durch Anbinden eines Abschleppseiles an einen DAF 66 gelang es mir, ihn zu bändigen, er zerrte allerdings heftigst, und ließ die ersten Einstellungsarbeiten nur widerwillig über sich ergehen. Mir schien, wenn ich mich umdrehen und einige Minuten wegschauen würde, springt der zappelnde Haufen Eisen direkt in´s Heck vom Fiat 500 und brennt sogleich mit seiner Stammkarosse durch. Nachdem ich Schließwinkelmessgerät und Stroboskoplampe wieder in den Schrank gelegt hatte und beschloss, in diesem Fall auf meine sonst so hilfreichen Helfer zu verzichten, ließ er sich auch einigermaßen einstellen. Zum Einstellen empfiehlt sich ein wenig Gefühl, Mess- und Einstellwerte zählen eher weniger, um dem Ding Manieren beizubringen. Dass es mit der Laufkultur des Twin´s nicht allzuweit her sein kann, war mir spätestens bewußt, als ich die M-förmige Kurbelwelle in der Hand hielt und feststellte, dass die Kolben immer auf gleicher Höhe nebeneinander laufen. Stellt man nicht zu hohe Erwartungen, kann man mit der Konstruktion durchaus glücklich werden. Dennoch wurde mir während all der Arbeiten klar, das durchaus viel Platz für sinnvolle Optimierungen im Motorraum des Kleinen herrscht. Um diesen Drang des geneigten Treibers zu befriedigen, sei mal wieder ein Blick in´s Welt Weit Netz empfohlen. Hier gibt's nahezu alles, was das Herz begehrt.

In großen Schritten näherte sich der Moment der Vollendung, kurz vor der ersten Testfahrt schießen mir noch mal die Einfahrempfehlungen für den überholten Motor durch den Kopf – ich muss schmunzeln, und frage mich, wer es wohl schafft, bei solch einer Kraftquelle die ersten 1500 km mit Halbgas zu überleben ! Ok, ich werde mich um eine gemäßigte Fahrweise bemühen, kann aber nicht dafür garantieren, dass der Fiat mir das durchgehen lässt. Schließlich steht er schon warmgelaufen vor mir und scharrt mit den Hufen. Dank der neuen Lampenschirmchen scheint der Kleine mir regelrecht zuzuzwinkern, das Motörchen summt, hustet, schmatzt und schnalzt - das ganze Heck zuckt im Takt dazu, und ich befürchte, dass er jeden Moment eine schwarze Gummispur auf dem Garagenboden hinterlässt und durchbrennt. Ok, überredet, ich entere die Sitzgelegenheit hinter dem Volant - lege präzise klackend den ersten (unsynchronisierten) Gang ein und breche auf zur ersten Probefahrt.

Schon auf den ersten Metern wird klar, dass sich der Aufwand gelohnt hat, es geht zügig und souverän voran, welch ein Segen, dass es in direkter Umgebung nur Landstraßen durch Wälder, über Berge, an Seen vorbei gibt. Wie ausgewechselt gibt sich der sonst so störrische Wagen, und saugt die Kurven geradezu auf ! Gemessen an der Leistung von etwa 20 PS geht es flott voran – wenigstens kommt es dir bei der gebotenen Geräuschkulisse so vor. Der mit erstaunlich langem Atem vorantreibende Motor und die direkte Lenkung können durchaus süchtig machen. Ach ja ! Die Einfahrempfehlungen ! Ich drossele das Temperament, genieße die Landschaft und stelle wieder fest, dass man mit dem Knatterkarl überall auffällt, und sich die Leute nahezu den Kopf verrenken, wenn man des Weges kommt.

Nun war es wohl soweit, ich bemerkte, dass ich breit grinsend, eingezwängt in einem Fiat 500 kauernd die kleinen, leeren Landstraßen durchfegte und mich freute, dass alles so ist, wie ich es grad erlebte. Ja, ES MACHT SPASS in diesem Ding zu fahren, TIERISCHEN SOGAR ! Vergessen ist in diesem Moment die für mich unbequeme Sitzhaltung, an der wohl meine Körpergröße von 1,96m Schuld ist. Vergessen auch das unkomfortable, gerne Kratzgeräusche produzierende Getriebe – zugegeben ,als Daf-Fahrer wird man nur selten in Fremdfabrikaten befriedigt. Egal, wer wird einem solchen Spaßmacher schon derartige Lapalien vorhalten.

Auch Nicole fand nun wirkliche Freude ohne Reue an demWagen. Von nun an bewies der Kleine, dass es auch anders gehen konnte. Im Einklang mit den Besitzern verhält sich der Fiat seit dem weitestgehend unauffällig – zumindest was das Verhältnis zu den Insassen angeht. Passanten und sonstige Verkehrsteilnehmer macht er nach wie vor gerne auf sich aufmerksam, was wohl auch am Sportauspuff liegt, welchen Nicole an Heiligabend unter dem Tannenbaum auspackte ! Endlich konnte der Weihnachtsmann mal sinnvolle Geschenke überreichen.

Nach und nach erfuhr der 500 noch einige behutsame Detailoptimierungen, die durchaus als Belohnung gleichermaßen für Mensch und Maschine gelten dürfen. Die Einfahrperiode ist nun abgeschlossen, und mit Blick zurück ist festzustellen, dass wir seit der Revision noch nicht einmal liegen geblieben sind, und das Motörchen schnurrt wie eine höchst zufriedene Katze. Na also, es geht doch ! Ein Fiat 500 ist unzuverlässig ? Vielleicht, der in unserer Garage jedenfalls nicht mehr. Zunmindest bis jetzt, und ich hoffe, dass er uns noch eine ganze Weile gewogen bleibt, irgendwie haben wir uns inzwischen doch sehr gut mit ihm angefreundet. Strahlt die Sonne am blauen Himmel, ist der kleine Italiener meist das erste Auto, welches den Sonnentag eröffnen darf.

Zwar hätte ich nie gedacht, dass es sich bei dieser Fahrzeuggattung lohnt, einen Ersatzteilträger anzuschaffen. In der Zwischenzeit traten aber ein Fiat 126 und ein sehr desolater 500er zur letzten Ölung bei uns an. Der 126 floh quasi vom Schrottplatz und brachte als Mitgift ein nettes Kunstledergestühl für unseren 500 mit. Den 500er entdeckte zufällig ein Freund nur eine Straßenecke weiter im Dorf unter einem Baum vor einer Scheune. Auf Anfrage konnte ich ihn für einen Handschlag mitnehmen – sein Heck steht heute als bepflanzte Dekoration in unserem Garten. Und so hatte auch in Sachen Fiat das Automobile Multi-Tasking schneller begonnen als mir eigentlich lieb war.

Ganz nebenbei fiel mir eine Unart unter den Fiat 500 Schraubern auf. Im eBay stolperte ich immer wieder über verhältnismäßig viele Citroen Visa, welche ohne Motor angeboten wurden. Da alte Citroen schon immer zu meiner Passion neben den DAF´s gehören, hab ich hier ständig ein Auge auf dem Angebot und fragte mich immer wo die Motoren geblieben sind. Inzwischden weiß ich, dass man sogar im freien Handel Adapterplatten kaufen kann, um den 2 Zylinder Boxer ins Fiat 500 Heck zu implementieren. Ob das nun der Königsweg ist, dem Fiat 500 zur Kultur zu verhelfen wage ich allerdings zu bezweifeln – und der Visa tut mir leid.

Unser 500er hat sich inzwischen gut mit seinen Garagengenossen angefreundet und erwartet uns stets mit einem breitem Grinsen, sobalt auch nur der leiseste Hauch einer Vermutung auf eine Spritztour besteht.